Harry Potters Arm

Silke schloss die Tür auf und trat ins Haus. Da war der Boden, von dem sie immer noch der Meinung war, er wäre aus Marmor. Darauf der große verschnörkelte Kreis, auf dem die hallenden Schritte der Hausbewohner einen Pfad hinterlassen hatten. Da war die Treppe, auf dem sich der Pfad fortsetzte, als Mulde in dem dunklen Holz der Stufen.

Silke ging absichtlich langsam. Sie horchte darauf, ob Mirko nicht doch schon kam. Vielleicht fing er sie ab, sprintete die Stufen hoch, die sie hinter sich gelassen hatte, und zog sie mit seinem Arm um ihre Hüfte mit nach oben. Sie ließ ihre Hand übers Geländer gleiten, um die Kerben im Holz zu fühlen und sich zu fragen, wie sie dort hineingekommen waren. Alles war so hoch in diesem Treppenhaus, die Decke unerreichbar dort oben. 

Heiligenfiguren beobachteten sie von den Wänden an den Treppenabsätzen herab. Es roch nach Holz und ganz leicht nach etwas Feuchtem. Alles war still, das Haus könnte ebenso gut leer sein.

Sie wurde noch langsamer, sie gab der Überraschung, sie gab Mirko noch eine Chance.

Aber sie erreichte die Wohnung allein. Sie schloss die Wohnungstür auf. Das Klacken des Schlosses hallte, und als sie ins Innere trat, dachte sie wie immer: So viel Platz. In dieser Wohnung gab es keinen einzigen Schrank, der so hoch war wie diese Räume, noch nicht einmal einen, der so hoch war wie Silke. Und gleich links war dieser Raum, in dem nichts mehr stand als ein ausziehbares Sofa und ein kleiner Hocker daneben, „für Gäste“. Hier hallten die Schritte genauso wie im Treppenhaus. Hier wäre genug Platz für Felix, wenn—

Wenn.

Silke würde bald Möbel kaufen, Mirko wollte es so. Und es war nötig. Im Wohnzimmer fehlte das Regal für seine Fachbücher, die sich auf dem Boden stapelten. Es fehlte der Schrank für seine glänzende HiFi-Anlage, auf die Mirko eine Blume gestellt hatte, die einzige Blume. Nur eine Kommode gab es, für den Fernseher, diesen winzigen, über den Mirko sagte: „Der reicht doch“.

Soviel Platz, soviel Geld für soviel Raum, in dem nichts stand, und der Mirko doch nicht genug war: „Uns fehlt der Balkon.“

Silke ging ins Schlafzimmer. Auch hier: Leere. Nur dieses riesige Bett, das noch größer war als das, in dem sie zusammen mit Paul geschlafen hatte. Es war nicht gemacht, weil Mirko später aus dem Haus ging als sie. In der Ecke stand Silkes Tasche,  blau und aus Plastik, die sie so hastig gepackt hatte, Paul hinter ihr stehend und sie anschreiend: „Du Schlampe.“. Manche von Silkes Sachen lagen immer noch darin, weil sie nicht hineinpassten in den kleinen IKEA-Schrank mit den schiefen Türen, der noch aus Mirkos Studentenzimmer stammte. Seine Anzüge hingen an einer Stange auf Rollen, ungeschützt vor Staub. So vieles konnte man aus der Wohnung hier machen, so viele Ideen hatte Silke.

Jetzt wartete sie auf Mirko.

Sie öffnete das Fenster, aber sie wollte dort nicht stehenbleiben, nicht nach unten sehen, ob er kam. Draußen hielt sich der Sommer noch, der mit Mirko angefangen hatte. Es wurde früher dunkel, früher kalt als damals, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten und sie nicht hatte glauben können, Paul zu verlassen und schon gar nicht Felix und Harry Potter.

Sie streifte ihre Jacke ab und ließ sie auf den Boden gleiten. Sie legte sich aufs Bett. Sie starrte an die Decke und den Stuck und die Glühbirne, die nackt und staubig dort hing. Ein Spinnenfaden zog sich von der Fassung zur Decke. „Wir nehmen uns eine Putzfrau“, hatte Mirko gesagt. „Du sollst nicht mehr für andere saubermachen.“

Sie lauschte nach draußen. Wenn sie öfters die Mittage so verbrachte wie jetzt, würde sie vielleicht Mirkos Schritte dort unten erkennen können, aber jetzt konnte sie höchstens die Männer von den Frauen unterscheiden oder eher: Das Geräusch ihrer Schuhe. Unten an der Ecke gab es eine Bäckerei mit zwei Tischen von der Tür. Manchmal drangen Worte von dort nach oben, von den Leuten, die dort saßen. Worte wie „Enkel“ oder „Buffet“ oder „Blutwerte.“

Mirko sagte einmal: „Du musst morgens nicht aufstehen müssen. Du musst nicht arbeiten. Bleib einfach liegen, verbring den Vormittag im Bett, bis ich mittags zu dir komme, verbring den Nachmittag im Bett, bis ich abends zu dir komme.“ 

Es piepte. Sie schreckte auf. Das Licht hatte sich verschoben, nur minimal, aber dennoch. Die Zeit hatte einen Sprung nach vorne gemacht, sie hatte geschlafen. Ein Piepen, ein Piepen. Silke wälzte sich halb aus dem Bett und tastete nach ihrer Jacke. Sie fischte ihr Handy heraus. Es war eine Nachricht, von Mirko:

Kann nicht kommen. Meeting. Heute wieder Italiener?

Silke ließ sich wieder auf den Rücken fallen. Sie drückte die Nachricht weg. Ihr Herz klopfte immer noch, aber sie fühlte sich so müde. Sie drückte auf Antworten. Sie überlegte. Überlegte, was zu zu schreiben. Bis heute Abend dann, ich freu mich schon — Ich vermisse dich — Ich warte auf dich — Warum lässt du mich warten? — Verschieb das Meeting. — Ich scheiss auf den Italiener

Sie überlegte, was zu schreiben, sie überlegte, ob zu schreiben.

Sie fragte sich, wie Felix es ging, sie fragte sich, wie Harry Potter es ging.

Sie drückte auf Abbrechen.

Sie schloss die Augen. Sie wollte die Glühbirne nicht mehr sehen, nicht mehr den Spinnenfaden, nicht mehr den Stuck, nicht mehr diesen leeren, leeren Raum über sich, zwischen sich und der Decke. Sie konnte ganz still halten, aber sie konnte nicht nachdenken. Sie konnte im Geiste wieder diese Wohnung durchwandern und sich fragen, wo das Leben mit Mirko statt gefunden hatte bist jetzt: Im Bett. Und wo würde es statt finden in drei Monaten, in sieben, in zwei Jahren? In Zimmern mit echten Möbeln, mit ihm zusammen oder als eine Folge von Nachmittagen im Bett, aber allein.

Liegen bleiben, liegen bleiben, draußen Schritte hören und Stimmen. Dieses Bett kannte Details, aber noch keine Erinnerungen. Kam da noch eine zweite Nachricht von Mirko. Du bist mir doch nicht böse oder?

Nein.

Solange Silke jeden Tag nur eine Stunde Zeit gehabt hatte, solange sie zu Paul hatte zurück müssen, zu Felix hatte zurück wollen, war Mirko immer pünktlich gekommen. Und jetzt ließ er sie warten. Und wie warten? Was sollte sie tun? Sie konnte nicht schlafen jetzt, wie sonst immer, seit sie eingezogen war und sie es gemacht hatten am Mittag, schlafen bis drei, vier Uhr und sich dann aus der Bäckerei etwas holen, einen Kaffee und einen Kuchen. Sie stand auf.

Sie hob die Jacke vom Boden auf, wollte sie zumindest über einen Stuhl hängen, wenn es schon keine Garderobe gab, doch dann fand sie sich im Flur wieder, vor der Wohnungstür. Sie hielt das Handy immer noch in der Hand, Felix‘ Nummer immer noch ausgewählt. Sie dachte an ihren Koffer. Sie dachte an Harry Potter. Sie öffnete die Wohnungstür, ging hindurch und ließ sie hallend ins Schluss fallen. Sie rannte nach unten. Sie achtete nicht mehr auf die Heiligenstatuen, auf den Pfad der Schritte in den Stufen und auf den Marmorkreis. Sie stürmte nach draußen. Es war immer noch Sommer, die Stimmen in der Bäckerei verstummten für einen Moment.

Wo war ihr Auto?

„Hier gibt es keine Tiefgarage“, hatte Mirko gesagt, „hier ist alles alt.“

Sie wandte sich nach links, von der Bäckerei weg, aber es war ein Fehler. Sie musste den Block einmal umrunden, an noch älteren Häusern vorbei, mit Erkern, an Eingängen vorbei, hinter denen es vielleicht noch mehr Marmor gab. Das Auto stand direkt vor der Bäckerei, sie hätte es doch wissen müssen. Sie stieg ein und fuhr los, beobachtet von den Alten mit ihrem Kuchen.

So oft hatte sie diesen Weg schon gemacht seit dem Ende des Winters, und immer noch wunderte sie sich darüber, wie alles immer neuer wurde, aber immer schmutziger. Die Farben änderten sich von goldenes Beige in stumpfes Grau. Hier waren die Häuser höher und hatten Balkone, aber auf ihnen sah man nur Wäsche und Satellitenschüsseln.

Ein Haus zwischen diesen Häusern war flacher und umzäunt. Irgendwann musste der Zaun einmal gelb gewesen sein, hier und da fanden sich noch Farbkleckse auf den meist schiefen Stangen. Silke sah auf die Uhr. Kurz nach zwei, die siebte Stunde war gerade aus. Ein paar Gruppen drängelten und schubsten sich gegenseitig über den Schulhof und Richtung Tor. Manche von ihnen waren noch Kinder, manche Jugendliche, manche hielten sich selbst für Erwachsene. Die Größeren ignorierten die Kleineren und umgekehrt. Die Kleineren trugen ihre Schultaschen als Last, die Größeren, als könnten sie sie jederzeit wegwerfen.

Hinter den Dränglern und Schubsern tröpfelten ein paar Einzelne aus dem Schulgebäude, und zwischen diesen Einzelnen erkannte Silke Felix sofort. Er trug wie immer eine graue Hose und einen schwarzen Pulli, als versuchte er, sich mit diesen Farben zu tarnen. Er hatte die Schultern hochgezogen, so dass es fast aussah, als hätte er keinen Hals.

Silke stieg aus. Felix war ihr noch nie entgegengerannt, immer nur geschlichen, hatte nie die Erleichterung gezeigt, die er empfinden musste, endlich aus dieser Schule herauszukommen. Aber jetzt blieb er stehen. Wie traurig war er, wie wütend? Was würde sie tun, wenn er ihr jetzt davonlief?

„Hast du Harry Potter gar nicht dabei?“ fragte sie.

Felix sah sie an, als wäre sie einer der Fremden, vor denen Silke ihn gewarnt hatte, als würde er gleich das sagen, was Silke ihm aufgetragen hatte zu sagen, wenn so ein Fremder zu nahe kam: „Mein Vater holt mich gleich ab.“ Und vielleicht war das so. Silke warf einen Blick nach links und rechts, ob Paul nicht doch irgendwo auftauchte jetzt. Aber warum sollte er sich geändert haben. Er hatte immer gesagt: „Warum holst du den Jungen immer ab? Der ist alt genug, um allein nach Hause zu kommen.“

„Wie geht es ihm?“ fragte sie.

„Wem?“ fragte Felix.

„Na, Harry Potter.“

Felix zuckte mit den Schultern. Jetzt sah er sie nicht mehr an, als ob sie eine Fremde war, jetzt sah er zu Boden.

„Wo ist er denn?“

Felix zögerte für einen Moment. Wenn er jetzt nicht antwortete, würde er ihr nie mehr antworten. Sie versuchte, seinen Blick vom Boden zu lösen, aber es gelang ihr nicht. Schließich sagte er, „Hier drin“, und zeigte auf seine Schultasche.

„Magst du ihn nicht mehr tragen?“

Felix schüttelte mit dem Kopf.

„Warum denn nicht?“

„Mag einfach nicht mehr.“

„Aber dabei hast du ihn.“

Felix nickte.

„Kann ich ihn mal sehen?“

„Wieso?“

„Will nur sehen, ob es ihm noch gutgeht.“

„Geht ihm aber nicht gut.“

„Wieso?“

„Arm ist wieder ab.“

„Ich mach ihn wieder dran.“

„Nee, musst du nicht.“

„Wieso nicht?“

„Mag den Harry Potter nicht mehr.“

„Aber du hast ihn doch dabei.“

„Ja.“

„Und magst ihn nicht mehr?“

„Nein.“

„Wieso denn nicht?“

Felix antwortete nicht. Silke trat auf ihn zu. Für eine Sekunde dachte sie, er würde vor ihr zurückweichen, er würde ihren Rat befolgen, den sie ihm gegeben hatte: „Lass die Fremden dir nicht so nahe kommen, dass sie dich greifen können.“ Aber er ließ stehen, sie strich ihm über den Kopf. Sie nahm ihm die Schultasche ab.

„Lass mich mal sehen.“

Sie öffnete die Schultasche. Ganz oben, neben der Federtasche, lag die Puppe: Ein Junge in englischer Schuluniform mit Zauberstab in der Hand. Doch der Arm mit der Hand, die den Zauberstab hielt, lag ein paar Zentimeter neben der Puppe.

„Ich hab‘s versucht, wieder dranzumachen“, sagte Felix.

„Es gibt da einen Trick“, sagte Silke.

„Ich kenn den aber nicht.“

Silke nahm die Puppe und den Arm. 

„Und Papa auch nicht.“

„Schau mal, so macht man das“, sagte Silke. Sie nahm Harry Potters Arm, legte die Kugel ans Schultergelenk , drehte den Arm, so dass er waagerecht nach hinten zeigte und drückte die Kugel hinein. Es machte klick.

Felix nahm die Puppe wieder an sich. Er bewegte den Arm mit dem Zauberstab und murmelte etwas.

„Ist das ein Zauberspruch?“ fragte Silke.

„Sowas Ähnliches…“ 

Felix bewegte den Arm noch ein paar Mal auf und ab, ganz vorsichtig.

„Ich zeige dir den Trick nochmal. Dann kannst du ihn.“

„Jetzt?“

„Nein, zu Hause.“

„Wo zu Hause?“

„Na, zu Hause.“

„Dein Zuhause oder mein Zuhause?“

„Unser Zuhause.“

Felix hörte jetzt auf, Harry Potters Arm auf und ab zu bewegen. Er bückte sich zur Tasche hinunter und packte die Puppe zurück. So gewissenhaft wie immer verschloss er die Tasche.

„Ich muss jetzt los“, sagte er.

„Ja, gehen wir.“

Silke wandte sich in Richtung Ausgang. Sie ging ein, zwei Schritte, aber Felix blieb stehen.

„Kommst du nicht?“

Er hatte seine Tasche jetzt in der Hand, eigentlich bereit zum Gehen. Er sah aus, als müsste er etwas beichten, aber wüsste nicht, ob und wie.

„Es wird wieder wie früher“, sagte Silke. „Ich rede mit Papa.“ Paul würde schreien, das wusste sie, aber er würde Felix nichts tun. Er würde nicht ausgerechnet jetzt damit anfangen zu schlagen.

„Und Mama?“ fragte Felix. „Geht sie dann wieder?“

Silke und Felix waren ganz allein auf dem Schulhof. Sie stellte sich vor, dass einer der Lehrer, der vielleicht lieber hier die Arbeiten korrigierte, als zu Hause, sie aus einem Fenster beobachtete und sich fragte: Was will diese Frau von diesem Jungen? Das ist doch nicht seine Mutter?

Felix‘ Mutter zurück in der Wohnung. Silke wollte Fragen stellen: Hatte Paul sie angerufen oder sie ihn? Hatte sie wenigstens mittlerweile eine Arbeit oder saßen sie beide zu Hause? Wieviel tranken sie? Redete er manchmal von Silke? Fragte Felix‘ Mutter manchmal etwas über Silke? Was hatte sie mit Silkes Sachen gemacht? Anprobiert, im Schrank gelassen oder einfach weggeworfen?

Sie dachte an die Tasche, die in Mirkos Schlafzimmer stand und das alles darin jetzt ihr eigenes Leben war. Felix machte ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Ausgang. Bewegte sich nicht etwas hinter einem der Fenster der Schule. Silke wollte etwas sagen, dass alles löste, aber statt dessen vibrierte und piepste ihr Handy.

Sie holte es raus — ein Reflex — es gab ihr Zeit. Es war eine Nachricht von Mirko:

Bist du jetzt wütend auf mich?

Felix sagte: „Ich muss los. Wirklich.“

1. November 2010

1 Kommentar

Sonja am 10. November 2011:

Diese Geschichten gefallen mir sehr, besonders die Beschreibungen sind super ..

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