Als Wahllokale noch Lokale waren

Ich kann mich nicht daran erinnern, aber so muss es gewesen sein.

Um zehn ging man in den Gottesdienst. Evangelisch-lutherisch, mit viel Gesang. Mit dem Schlussgeläut zog die ganze Familie weiter Richtung Strand. Es war Wahltag und das Wahllokal eine Gaststätte mit Blick aufs Meer. Die beliebten Kinder blieben draußen und turnten auf dem Spielplatz herum, die unbeliebten krochen zu Mutti in die Wahlkabine. Danach war Mittagsvorbereitungszeit. Die Muttis nahmen ihre Kinder — ob beliebt oder nicht — und schleppten sie nach Hause. Die Papis ließen sich nicht schleppen, sondern blieben am Tresen stehen und beobachten, wer da sonst noch kam und wählte. Eine von drei Parteien, sonst nichts.

Es muss so gewesen sein, aber ich kann mich nicht erinnern. Noch nicht einmal daran, selbst gewählt zu haben, obwohl es doch ein oder zwei Male gab, als ich alt genug war und bevor ich ging.

Heute sind es keine Lokale mehr, in denen man wählt. Es sind Schulen und manchmal noch nicht einmal das, sondern Container im Innenhof, Provisorien, weil mal wieder umgebaut werden muss. Und einen Tresen gibt es schon gar nicht. Dafür aber einundreißig Parteien.

8. Juni 2009

2 Kommentare

Judith Andresen am 10. Juni 2009:

Erinnerung ans nordfriesische Land: “wir mööd hüt to de wahl gohn”. Spaziergang durchs Dorf “ja die Wahl” (soziale Kontrolle zieht), Sonntagsstaat der Wahlhelfer, irgendwie sind alle feierlicher und alle versuchen, weniger plattdeutsch zu sein, was ihnen nicht gelingt und dafür Komik hervorbringt.

Wahlurne im kleinen Saal der Dorfkneipe, in denen die offiziellen Wahlunterlagen deplatziert wirken.

Dort wird auch heute noch gewählt.

albertsen am 10. Juni 2009:

…und ich weiß noch nicht einmal, ob bei uns im Dorf (das kein Dorf mehr ist, sondern jetzt zu einer Stadt gehört) immer noch im gleichen Lokal gewählt wird. Ich bezweifle es, hat es doch so oft den Pächter gewechselt und sich kaum noch halten können. Wahrscheinlich wählt man auch dort in der Schule, der Grundschule, an winzig kleinen Tischchen.

Neuer Kommentar